Mit angepasster Einsatzkette gegen das Niedrigwasser Die Wasserrettung auf dem Rhein ist durch ringen Tiefgang mit jeweils hoher Geschwindigkeit, Reichweite starke Strömung, intensive Berufsschifffahrt, und Transportkapazität. Mannschaft und Material können damit große Distanzen und dynamische Einsatzbedin- rasch an die Einsatzstelle gelangen. Gleichzeitig dient die »Hes- sen« bei komplexeren Einsatzlagen als Führungspunkt, Mate- gungen geprägt. Extremes Niedrigwasser ver- riallager und Übergabestation. Als primäres Einsatzmittel kommt schärft diese Rahmenbedingungen zusätzlich. Schwerere Motorrettungsboote können Einsatz- sie insbesondere bei Personen im Bereich der Fahrrinne, bei stellen teilweise nicht mehr direkt oder nur mit größeren Einsatzlagen sowie bei Einsätzen in Ufernähe mit aus- erheblichem Risiko eines Schadens erreichen. reichender Wassertiefe zum Einsatz. Für die Wasserrettung in Wiesbaden stellte sich daher eine zentrale Frage: »Wie lässt sich die Einsatzfähigkeit auch dann aufrechterhalten, wenn das primäre Rettungsboot Betroffene nicht mehr sicher anfahren kann?« Die Antwort liegt nicht in einer Einschränkung des Einsatzspektrums, sondern in einer abgestuften und lageabhängigen Kombination vorhande- ner Rettungsmittel. Umdenken zur flexiblen Einsatzkette Im Regelbetrieb bildet das Mehrzweckboot »Delphin« das pri- märe Einsatzmittel der Schiersteiner Einsatzkräfte. Anfahren der Einsatzstelle, direkte Rettung aus dem Wasser, Erstver- sorgung und Transport – das Boot deckt damit wesentliche Phasen eines typischen Einsatzes auf dem Rhein ab. Bei ext- remem Niedrigwasser stößt dieses Standardkonzept jedoch an seine physikalischen Grenzen. Gerade in Ufernähe können geringe Wassertiefen, unbekannter Untergrund und Hindernis- se unter Wasser das direkte Anfahren erschweren oder aus- schließen. Gleichzeitig ist zu berücksichtigen, dass ein Fest- fahren oder eine Beschädigung des Bootes nicht nur die aktu- elle Rettung erschweren, sondern auch die weitere Einsatzfähig- keit des wichtigsten Rettungsmittels beeinträchtigen können. Auch die Reaktionszeit nach der Alarmierung sollte nicht ver- längert werden. Daraus ergibt sich ein Prioritätenwechsel inner- halb der Einsatzmittelkette in Schierstein. Das Rückgrat für den offenen Rhein und das Hafenbecken bildet die »Hessen«, eine Boston Whaler 15. Sie verbindet einen ge- Stufenweise Reihenfolge Mit sinkendem Pegel darf jedoch auch bei der »Hessen« ein direktes Anfahren der Einsatzstelle nicht mehr selbstverständ- lich vorausgesetzt werden. Vor jedem weiteren Annähern ge- winnen deshalb Faktoren wie vorhandene Wassertiefe, Tiefen- reserve, Strömungsverhältnisse, Untergrund und Schiffsverkehr an Bedeutung. Aus diesen Rahmenbedingungen ergibt sich der zentrale Grundsatz der Niedrigwassertaktik: Nicht das Boot muss zwingend zur Person, sondern das geeignete Rettungs- mittel. Die Einsatzmittelkette lässt sich dabei – abhängig von der konkreten Einsatzlage – abstufen. Konkret heißt das für die Schiersteiner: Boston Whaler 15 › IRB › Rettungskajak › Ret- tungsbrett › fußläufiger/schwimmerischer Einsatz › landgebun- dene Rettung. Bei dieser Reihenfolge handelt es sich um eine flexible Kette, bei der das geeignete Rettungsmittel anhand der örtlichen Ge- gebenheiten ausgewählt wird. Der Wechsel auf flachgehende und kleinere Rettungsmittel darf jedoch nicht zur Vernachlässi- gung des Eigenschutzes führen. Entscheidend ist deshalb nicht nur, welches Rettungsmittel eingesetzt wird, sondern auch wann der Wechsel erfolgt. Ein taktischer Wechsel muss geordnet und vorausschauend erfolgen. Niedrigwasser zwingt zu einer ganzheitlichen Betrachtung der Wasserrettung als abgestimmtes Gesamtsystem. Das leistungs- fähigste Boot ist nicht automatisch das beste Rettungsmittel für jede Einsatzstelle. Entscheidend ist, das geeignete Rettungs- < mittel zur richtigen Zeit am richtigen Ort einzusetzen. Historische tiefe Pegelstände erfordern Anpassungen in der Wasserrettung. © privat hessen III